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Erich Heckel (Döbeln 1883 - Radolfzell 1970)

Weg durch Büsche

1907
Öl auf Leinwand
52 x 75 cm
Vogt cat.rais.no. 1907/07, Verso no. 1908/15

Werkverzeichnis Vogt 1907/07, Verso 1908/15

Im Sommer 1907 hielten sich Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel erstmals in Dangast und Dangastermoor am Jadebusen auf, einer Nordseebucht, an deren schmalem Zugang Wilhelmshaven gelegen ist. Es ging dabei eigentlich um mehr als lediglich einen sommerlichen Arbeitsaufenthalt. Schon zuvor hatte Heckel in Dresden einen Holzschnitt mit dem Text „Künstlergruppe Brücke / Dangastermoor“ angefertigt, der als Absender auf Briefpapier gedruckt wurde. Schmidt-Rottluffs Aufenthalt dauerte 1907 von Mitte Mai bis Anfang November. Heckel kam im Juni nach und blieb bis Anfang September. In dieser Zeit wurden beide sowohl in den Oldenburger Künstlerbund als auch in die Vereinigung nordwestdeutscher Künstler aufgenommen. Deutlich ist also das Bestreben, sich – anders als in Dresden – in die lokale Künstlerszene zu integrieren. Schmidt-Rottluff betrieb das intensiver und mit längeren Aufenthalten bis 1912, während Heckel jeweils kürzer dort blieb und sich bereits 1911 andere Sommerziele suchte. Nur einmal 1910 kam auch Max Pechstein nach Dangast, und Ernst Ludwig Kirchner fand sogleich auf Fehmarn seine eigene Bleibe. So ist der Umzug der Künstlergruppe Brücke nach Dangastermoor, der zunächst angestrebt worden zu sein scheint, letztlich gescheitert, und Dangast blieb der Ort für einige Sommeraufenthalte.
Unter den Dangaster Motiven spielt das Meer nur eine untergeordnete Rolle, und die Darstellung von Akten in der freien Natur, von der in den folgenden Jahren die Arbeit an den Moritzburger Teichen bei Dresden geprägt war, und die bei Heckel später in Osterholz an der Flensburger Förde einen breiten Raum einnahm, fehlt gänzlich. Die Künstler waren von der Weite der Landschaft und dem Licht fasziniert, von den flach hingestreckten Ziegeleien mit ihren hohen Schornsteinen und den zwischen Baumgruppen geschmiegten Gehöften. Sie beluden ihre Fahrräder mit dem Malgerät und arbeiteten unmittelbar vor dem Motiv. Von den 1907 in der Umgebung von Dangast entstandenen Gemälden der beiden Künstler ist eine beachtliche Anzahl nicht mehr nachweisbar oder zerstört. Die erhaltenen Bilder weisen große Ähnlichkeiten zwischen beiden auf. Die Farben wurden pastos und vehement aufgetragen, von Heckel oft etwas lockerer, was ihn aber meist nötigte, mehr lineare Elemente aufzunehmen, als Schmidt-Rottluff das tat. Starke Rot- und Gelb-Töne kennzeichnen Sonne und Hitze, während Blau und Grün mehr den Schattenpartien zugewiesen wurden. Noch waren die Impressionen, das Spiel des Lichtes auf den Gegenständen, vorherrschend. Aber die Reize sind gegenüber dem Impressionismus gesteigert, auch vergröbert, zugunsten einer größeren Kraft, einer spürbaren Energie von Wärme, Licht und Wind. Der selbstgefertigte trockene Kreidegrund, der teilweise zwischen den groben Pinselstrichen stehenbleibt, nimmt einen Teil des Öls aus der Farbe auf, so daß diese nicht glänzend sondern matt auftrocknen, ohne an Leuchtkraft zu verlieren.
Heckels „Weg durch Büsche“ ist eins der lockersten und lichtesten Bilder aus diesem Jahr. Die dunkelsten Töne – Rot und Grün – konzentrieren sich im rechten unteren Viertel. Sonst herrschen das lichte Blau des Himmels, ein frisches Grün sowie helle Gelb- und Orange-Töne vor. Der überall zwischen den Farben hervortretende leicht getönte Grund läßt eine besondere Leichtigkeit entstehen. Bei den anderen Gemälden des Jahres bestimmen dunkleres Blau und Grün, verbunden mit dem starken Rot, den Eindruck. Heckel machte auf einigen seiner Bilder durch die Dynamik des Pinselstrichs und die zerzausten Baumkronen die frische Brise von der See her besonders anschaulich, die für das Klima dieses Landstrichs charakteristisch ist. Das Gemälde „Weg durch Büsche“ bekommt durch das helle Gelbgrün des Mittelgrundes noch einen gewissen frühlingshaften Charakter, und so mag es eines der ersten gewesen sein, die Heckel dort malte.
Der später gegebene Titel ist eigentlich unzutreffend. Soe sind es zwei Wege, die, von links kommend, im Goldenen Schnitt in die Tiefe führen: ein kräftig roter, vielleicht mit Backsteinen gepflasterter, wie Heckel sie später beschrieb, und ein ungepflasterter heller. Büsche sind nur links davon auszumachen, während sich rechts auf einer Wiese mehrere Bäumchen erheben, hinter der mehrere Häuser angedeutet sind. Es ist ein typisches Dangaster Motiv, das sich aber in einer seltenen Heiterkeit darbietet.
Das „Boot im Schlick“ auf der Rückseite ist ein Jahr später während Heckels Aufenthalt von Ende März bis Anfang Oktober. In diesem Jahr machte er die größten Schritte zu dem Flächenstil der letzten Dresdener Jahre, während sowohl Schmidt-Rottluff in Dangast als auch Kirchner auf Fehmarn noch in der alten, „impressiven“ Malweise arbeiteten. Nun wirken weniger die einzelnen Pinselstriche als vielmehr aufgelöste Farbflächen, in denen der Grund mitspielt. In einem Gespräch mit Roman Norbert Ketterer erzählte Heckel 1958: „Wenn man bei Ebbe im Boot auf den Jadebusen hinausfuhr – in den Prielen, das sind so eine Art Wasserläufe, die noch befahrbar sind, weil sie tief einschneiden und kleine Flüsse bilden –, so befanden sich links und rechts Schlickberge. Dieser Schlick leuchtete in ungeheurer Pracht rot oder braun, aber das Wasser war ebenso farbig.“ Eine solche Situation schildert das hochformatige Gemälde, in dem der grüne Farbstreifen am querliegenden Boot und die sich weiter oben von links einschiebende grüne Landzunge die einzigen von dem beherrschenden Blau-Braun-Schwarz abweichenden Akzente setzen. Vorn steht ein vierrädriger Karren, möglicherweise zum Abtransport der Körbe mit den in Reusen gefangenen Krabben. Die schwarzen Linien geben dem Bild Halt und Struktur. Heckel hat diese Wattlandschaft nicht oft gestaltet, und das trockene Braun, das den Vordergrund bestimmt und auch im Himmel noch durchscheint, ist für die Dangaster Zeit eine ganz ungewöhnliche Farbe. Es ist möglich, daß dieses Gemälde erst im Herbst während des Einholens der Reusen entstand, an das sich Heckel ebenfalls erinnerte. So umfassen die Bilder auf den beiden Seiten der Leinwand wahrscheinlich eine künstlerische Entwicklung von etwa anderthalb Jahren.

Andreas Hüneke


Provenienz: Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf - Sammlung Werner, Wien

Literature: Gerd Wietek, Maler der Brücke in Dangast von 1907 bis 1912, Ausst. Kat. Oldenburger Kunstverein, Oldenburg 1957, Nr. 32, S. 88. - Paul Vogt, Erich Heckel, Recklinghausen 1965, WVZ Nr. 1907/07 und Verso 1908/15, o.S. (s/w Abb.). - Kirchner-Heckel-Nolde, Die Sammlung Werner, Ausst. Kat. Albertina Museum, Wien 2012, Kat. Nr. 42 und 43, S. 100-103 (Text und ganzs. Farbabb.). - Landschaft nach 2000, Ausst. Kat. Kunsthalle Osnabrück, o. O. 2013, S. 16 (ganzs. Farbabb.)

Maler der Brücke in Dangast von 1907 bis 1912, Oldenburger Schloss, Oldenburger Kunstverein, 02. - 30.06.1957. - Kirchner-Heckel-Nolde, Die Sammlung Werner, Albertina Museum, Wien, 30.05. - 26.08.2012. - Landschaft nach 2000, Kunsthalle Osnabrück, 27.10.2013 - 26.01.2014.